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Die Geschichte der Wasserversorgung in Wiener Neustadt

Lange Zeit dachte man in Wiener Neustadt, sich um Trinkwasser keine Sorgen machen zu müssen. Wo immer man im Stadtgebiet oder in dessen nächster Nähe einen Brunnen aushob, gab er die geforderte Wassermenge. In diesem Zustand verharrte die Wiener Neustädter Wasserversorgung viele hundert Jahre lang. Die Menge der in den Boden versickerten Abwässer von Mensch und Vieh stieg in dem gleichen Maß wie die Qualität des aus dem gleichen Boden geschöpften Trink- und Gebrauchswassers sank; Epidemien waren die Folge.

Mit der industriellen Verwertung des Wassers stieg der Bedarf für den menschlichen Gebrauch unverhältnismäßig stärker als die Einwohnerzahl. Im Oktober 1882 überreichte ein Konsortium dem Wiener Neustädter Gemeinderat ein Angebot, um große Wassermengen zu fördern. Die Wiener Neustädter Bürger lehnten ab; das Trinkwasser war ihrer Meinung nach zur Genüge vorhanden und – wie sie meinten - in bester Qualität vorhanden. Nun erhöhten die Konzessionäre ihre Zusagen der Stadt gegenüber.

Sie boten an, die Rohre vom Reservoir bis zum Wasserhahn jedes Hauses auf Kosten der Gesellschaft zu legen, das Wasser zur Besprengung der Straßen beizustellen, die Badeanlage zu errichten und zu betreiben. Der Magistrat lehnte neuerlich ab. Der Druck auf die Stadtverwaltung wuchs. So wurde sie im Jahre 1898 von der Statthalterei wegen verschiedener sanitärer Übelstände gerügt! 1899 holten die Bewohner Wiener Neustadts ihr Trink- und Haushaltswasser noch immer aus den alten Hausbrunnen.   

Die liberale Auffassung, dass „die Wasserversorgung in erster Linie eine Aufgabe der Hauseigentümer sei", hielt sich eben in den konservativen Kreisen am hartnäckigsten. Eine Typhusepidemie brachte 1899 den Umschwung und im Juni 1902 suchte die Stadtgemeinde endlich offiziell bei der Bezirkshauptmannschaft um die Konzession zum Bau und Betrieb einer Wasserleitung an. Erst ein Jahr später - am 19. Juni 1903 - wurde die Erlaubnis dazu erteilt. Aber diese Maßnahmen waren noch immer nicht die Geburtsstunde des Städtischen Wasserwerkes. Die Widerstände, nicht zuletzt auch die im eigenen Hause, waren noch zu groß gewesen.

Dieses Mal waren die Gründe für die Ablehnung vorwiegend finanzieller Art. Zu dieser Zeit meldete sich der k. k. Landessanitätsinspektor: Das Senkgrubensystem wies große Mängel auf. Wiederholt seien in Wiener Neustadt Bauchtyphuserkrankungen in epidemischer Form aufgetreten. Ab nun entwickelten sich die Dinge rasch. Das Projekt einer Wiener Wasserleitungsfirma wurde der Gemeinderatssitzung am 11. Dezember 1908 vorgelegt und beschlossen. Im Frühjahr 1909 wurden die ersten Rohrstränge vom Wasserwerk Süd mit 2 Brunnenpumpen gelegt. In den folgenden Monaten wurden Rohre in der inneren Stadt und später in der Vorstadt verlegt.            

Die Hausbesitzer hatten die Möglichkeit, sich für einen kostenlosen Hausanschluss zu melden. Trotz dieser Begünstigung wurden aber nur 3000 Räume angemeldet. Dennoch erfolgte der Ausbau zügig: im August 1909 vergab der Gemeinderat die Bauarbeiten für den Wasserturm und im Dezember 1910 wurde - nachdem der Hochbehälter fertig gestellt worden war - dieser zum ersten Male mit Wasser vom Brunnenfeld gefüllt. Die Wiener Neustädter Wasserversorgungsanlage wurde niemals offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Nicht einmal eine Enthüllung der Widmungstafel dieser „Kaiser Franz Josephs Wasserleitung" erfolgte offiziell. Sie ist eines Tages einfach da gewesen! Im April 1910 beschloss die Gemeindevertretung eine Wasserleitungsordnung. 

Die weiteren Rohrverlegungen und Anschlussarbeiten gingen in den nun folgenden Jahren zügig vor sich. Mit der Einleitung des Wassers in die Miet- und Zinshäuser entstand ein Phänomen, welches der Volksmund die „Bassena" nannte. Es handelte sich dabei um einen Wasserleitungshahn und ein darunter befindliches Abflussbecken, welches am Gang jedes Stockwerkes montiert war. Da es in diesen Miethäusern eine Zuleitung des Wassers in die Wohnungen selbst noch nicht gab, versorgten sich die Wohnparteien mit dem von der Bassena entnommenen Wasser. Diese Bassena erfüllte eine sehr soziale Funktion: sie wirkte als Kommunikationszentrum für die Hausfrauen.

Bemühungen zur Verstärkung der Wasserförderung durch die Errichtung eines dritten Brunnens am Wasserwerk Süd liefen bereits. Im September 1920 wurden beim neuen Brunnen die ersten Pumpversuche vorgenommen. Knapp zuvor hatte man die Flugzeugfabrik an das Rohrnetz angeschlossen.

Im gleichen Jahr wurden die Wasserwerke vor eine ernste Probe gestellt. Seit drei Jahren war der Grundwasserspiegel ununterbrochen gesunken, bis er sechs Meter unter dem normalen Niveau zu liegen kam. Viele Bürger wünschten daher den Anschluss an die Wasserleitung. Aber kaum hatte man mit den Rohrverlängerungen begonnen, stieg der Grundwasserspiegel wieder rasch an und eine große Zahl von Haus- und Gartenbesitzern wollte von einem Wasseranschluss nichts mehr wissen. Dadurch kamen die Wasserwerke in eine finanzielle Bedrängnis, was den Gemeinderat veranlasste 1928 die Anschlusspflicht einzuführen.   

Während des 2. Weltkriegs verursachten Bombenangriffe zahlreiche Schadensstellen am Rohrnetz, als das Ende des Krieges schon zum Greifen nahe war wurde auch der Wasserturm zerstört.

Noch im Jahr 1948 betrug der gesamte Wasserverlust mehr als 40 Prozent der geförderten Wassermenge! Was den Wasserturm selbst betrifft standen die Architekten auf dem Standpunkt, der Wasserturm sei ein industrieller Zweckbau, weshalb die äußere Form nicht wichtig sei. Die Gemeindevertretung beharrte jedoch darauf, dass der Wasserturm seine ursprüngliche Gestalt wieder erhält und in Betrieb genommen wird.  

Mit der Gemeinde Wien wurde dann ein Vertrag abgeschlossen, der vorsah, dass eine Menge von einer Million Kubikmeter jährlich in die I. Wr. Hochquellenwasserleitung eingespeist werde. Noch im selben Jahr begann die Wasserlieferung nach Wien.1964 wurde beschlossen im Waldgebiet entlang der Fischauergasse ein zweites Pumpwerk zu errichten. Nachdem die Probebohrungen damals schon gute Ergebnisse gezeigt hatten, wurde an dieser Stelle das bedeutendste Bauvorhaben seit dem Kriegsende ausgeführt, das Wasserwerk West. Es wurde im Mai 1969 in Betrieb genommen. In diesen Jahren hatten die Wasserwerke den Bau der großen Ringleitung um die Stadt in Angriff genommen, das der gleichmäßigen Verteilung des Wassers im Leitungssystem diente. Die weitere Entwicklung der Stadt zeigte binnen weniger Jahre, dass der von den Wasserwerken erschlossene Grundwasserreichtum schon wieder seine Grenzen hatte. Da war vorerst die ungewöhnliche Trockenheit der Jahre 1970/71, welche das Absinken des Grundwasserspiegels auf einen bisher noch nie registrierten Tiefstand bewirkte. Um keinen Wassernotstand eintreten zu lassen, mussten neben den bestehenden Brunnen drei tiefere Ersatzbrunnen gebohrt werden, die im Frühjahr 1972 in Betrieb gingen. Gleichzeitig wurde der Endausbau des Wasserwerkes West mit der Errichtung des dritten Brunnens vorangetrieben; dieser wurde im Mai 1972 in Betrieb genommen.

Um für alle Fälle gerüstet zu sein wurde 1973 wurde mit dem Bau eines als Wasserwerk Ost bezeichneten Schöpfwerkes begonnen. Die dort geförderte Wassermenge wird durch eine 1,5 km lange Rohrleitung in das Stadtgebiet geführt und ins Rohrnetz geleitet. Die Entwicklung der „Wiener Neustädter Wassergeschichte“ wird in einer Broschüre des „Industrieviertel - Museums“ Wiener Neustadt - Anna Rieger-Gasse 4. Tel: 02622/26015 genau dokumentiert.